Georg Kreisler · Everblacks · 1971/GDR, 1983 · B

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Der guate alte Franz
Die Wanderniere 03:23
Das Mädchen mit den drei blauen Augen 06:43
Das Triangel 09:26
Max auf der Rax 13:13

Text, Musik und Interpretation: Georg Kreisler (1922 - 2011)
Veranstaltungsmitschnitt, Aufnahme von Intercord, Stuttgart

»(. . .) Da geht das herzige Liebespaar in den Frühling hinaus, ,,die Sonne ist warm und die Lüfte sind lau´´, ,,die Bäume sind grün und der Himmel ist blau´´ - in der Tasche aber hat es das Zyankali zum Taubenvergiften. Oder da gibt es das Lied vom ,,guaten alten Franz´´, dem buchstäblich alles abverlangt werden kann - treu bis zum Tod -, und an dessen Beispiel solcherart Freundschaft als Infamie enthüllt wird. Die Heurigenseligkeit bringt etwas hervor, das so gar nicht zur gespriesenen Wiener Gemütlichkeit passen will: die vom Zuckerguß verborgene Nachtseite der Kleinbürgerseele. Diese Lieder sind Kriegserklärungen gegen die Mentalität des ,,Wien bleibt Wien´´ und des ,,Solang der Wein a bissel schmeckt, solang is alles mir egal´´. Kreisler tritt damit in die Fußstapfen eines anderen Wieners wider Willen: Karl Kraus, unter dessen antiwienerischen Sentenzen sich ein Ausspruch findet, mit dem man auch Kreislers Leiden an Wien charakterisieren könnte: ,,Nichts da, ich bin kein Raunzer, mein Haß gegen diese Stadt ist nicht verirrte Liebe, sondern ich habe eine völlig neue Art gefunden, sie unerträglich zu finden.´´
Kreisler geht es um die Durchleuchtung der Bürgerwelt. Was verbirgt sich hinter der Fassade ihrer Lebensweise, ihrer Moralnormen und Phrasen? Auf dem Röntgenschirm der Kreislerischen Lieder wird es sichtbar: das ,,Warenhaus´´, in dem alles zu haben ist - eine ,,unübersehbare Anzahl unnötiger Notwendigkeiten mit eingebautem Verblödungseffekt´´, ,,Epidemien zum Vorzugspreis´´ und ,,außerdem natürlich Särge´´.
Wie in einem Panoptikum sind bei Kreisler alle vertreten, die Chefs und Subalternen dieser Warenhauswelt: der Politiker, der Kapitalist, die Polizei, der Künstler, der große und der kleine Bürger. Letzteren vor allem, den Spießer, läßt er an der Pinzette seines Hohnes zappeln und in seinen Varianten Revue passieren: Da bekümmert sich einer unter dem Damoklesschwert drohender Weltkatastrophen um nichts als das Wohl seines Hundes, und da ist die ,,Frau Schmidt´´, Prototyp kleinbürgerlicher Beschränktheit, die nur über andere spricht und ihre Meinung aus den Illustrierten bezieht. Nicht vergessen ist der ,,Kämpfer´´, das Musterbeispiel der Verwandlung vom lautstarken Revoluzzer zum geschmeidigen Konformisten. Und dann kommt ein ganzes Sortiment Zukurzgekommener, ins Abseits Gedrängter. Wie kann menschliche Entfremdung greller beleuchtet werden als durch das Lied von dem Manne, der von der Fülle der Töne auf seinem Triangel immer nur einen einzigen Ton hervorbringen darf, oder durch das Lied über den, der dazu verdammt ist, im Zirkus stets nur das Hinterteil des Pferdes zu spielen? Wo wird nichtgelebtes Leben pointierter dargestellt als in dem Selbstbekenntnis jenes Mannes, der sein ganzes Leben mit dem Mädchen ,,Barbara´´ führt, das nur ein Produkt seiner Phantasie ist? Die Komik all dieser in ihrer Menschlichkeit Reduzierten ist gleichzeitig ihre Tragik, und ihre Deformation sind die Deformationen vieler.
In den letzten Jahren attackiert Kreisler in seinen Chansons immer öfter die Protagonisten der politischen Bühnen mit Namen und Hausnummer, etwa wenn er Franz Josef-Strauß um Mitternacht als Gespenst der Vergangenheit erscheinen läßt oder wenn er die lächelnde Regierungsprominenz der westlichen Hemissphäre mit Nazigrößen von einst vereint - zu einer Musik, deren gläserne Traurigkeit nicht einmal mehr Galgenhumor aufkommen läßt.
Kreisler ist ein Arrivierter. Der bürgerliche Kulturbetrieb versucht ihn zu integrieren, in dem er ihn mit dem Markenzeichen ,,schwarzer Humor´´ versieht und so in einen Modetrend einordnet. Kreisler: ,,Wie verachtet man die eignen Bewunderer? Wie entgeht man seinem Schatten, solange man in der Sonne steht? Man wird Säufer, Sonderling oder Selbstmörder. Letzteres kann auch heißen, daß man sich totlacht.´´
Was ist Kreisler? Zeitkritiker? Moralist? Zyniker? Fest steht: Hier ist einer, der sich über die Gesellschaft, in der er lebt, keinen Illusionen hingibt. Allerdings: Ratlos ist er, wenn es um die Veränderung der Gesellschaft geht. Er erkennt die Gegner, aber nicht die Verbündeten. Das erklärt seine Resignation, das erklärt, weshalb seine Lieder zum Fürchten die Furcht nicht überwinden. Dennoch vermögen diese Lieder etwas sehr Wichtiges: nachdenklich zu machen.« Walter Rösler